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#2 "Rechenschwache Schüler werden durch die Schule erzeugt"

Aktualisiert: 7. Dez. 2023

Das sagt Bernhard Ufholz in einem SZ-Interview vom 4. Dezember 2023


Kann man das wirklich so sagen? Geht das nicht zu weit? Nun, ich möchte zunächst mal ein paar Aussagen des Bildungssoziologen und Dyskalkulietherapeuten wiedergeben und danach meine Meinung dazu kundtun... auch, wenn das jetzt nicht sooo viele Leute interessieren sollte. ;) Vor allem möchte ich auf die LÖSUNG des Problems hinweisen.


Denn eines vorweg: Dyskalkulie ist grundsätzlich überwindbar!


Mit meinem Lernkonzept "Mathe einfach machen mit dem Rechenpflaster" habe ich einen Ansatz entwickelt, der das Problem "Dyskalkulie" bzw. Rechenschwäche an der Wurzel behandelt. Das Rechenpflaster kann jede Mama und jeder Papa anwenden. (Übrigens kann es auch jede Lehrkraft in ihrem Unterricht einsetzen.) Was braucht man dazu?


Die Bereitschaft, sich mit Geduld und Verständnis für die Schwierigkeiten einem Kind zu widmen, das dabei ist, im Schulunterricht ein falsches mathematisches Denken zu entwickeln. Man braucht etwas Zeit. Und man braucht Mut, das Wissen und die Überzeugung, dass ein Kind eine Rechenschwäche überwinden kann. (Wenn das alles vorhanden ist, kann man sich heute auf den Weg machen, die nötigen Schritte zu gehen...)


Nun: Um diese nötige Überzeugung und den Mut zu stärken, sind Interviews wie das von Bernhard Ufholz so wichtig. Hier kannst du es übrigens selbst nachlesen:


Bernhard Ufholz kritisiert am Schulunterricht, dass keine Rücksicht darauf genommen wird, dass Menschen unterschiedliche Fähigkeiten haben, in "Quantitäten" zu denken. Der Stoff geht weiter, unabhängig davon, ob die Schüler ihn verstanden haben oder nicht. Er geht sogar so weit zu sagen, dass es gewollt ist, dass nicht alle alles verstehen.


Sein Argument: Empirische Studien wie die TIMMS-Studie zeigen, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern einen unverhältnismäßig großen Anteil an rechenschwachen Schülern hervorbringt. Ufholz sieht das hautpsächlich als Folge eines unzureichenden Unterrichts.


Er spricht sich daher aufgrund der empirischen Belege gegen das weitverbreitete und durch die Weltgesundheitsorganisation geförderte "Behinderungsparadigma"aus. Im Gegensatz dazu vertritt er das Verstehens-Paradigma: Jeder kann rechnen lernen. Rechenschwache Kinder haben zwar besondere Schwierigkeiten beim Erlernen des Rechnens, sind aber nicht grundsätzlich daran gehindert. Rechenschwäche ist keine Krankheit.


Ufholz erklärt dann die Problematik des zählenden Rechnens als Kennzeichen von Rechenschwäche und verweist auf die Notwendigkeit eines Unterrichts, der auf das mathematische Denken und das Verstehen abzielt. Wichtig ist, was sich das Kind beim Rechnen denkt, nicht so sehr, ob das Ergebnis richtig oder falsch ist.


Außerdem verweist der Dyskalkulietherapeut, der selbst als freier Mitarbeiter am mathematischen Institut tätig ist, auf die Schwierigkeiten, die sich aus den gesetzlichen Regelungen im Umgang mit rechenschwachen Kindern ergeben: Wer Hilfe vom Staat sucht, muss den Weg über Ärzte, Kinder- und Jugendpsychiatrie bzw. -psychotherapie gehen. Das führt selbst zu einer Stigmatisierung der betroffenen Kinder, so die Kritik von Ufholz.


Auf die Frage, was sich an den Schulen ändern müsste, damit es weniger Kinder mit Rechenschwäche gibt, antwortet er: "Es müsste an den Schulen den Willen geben, dass jedes Kind rechnen können soll. Das geht, wie man an anderen Staaten sieht. Vielleicht gibt es ein paar Kinder, die es wirklich nicht lernen können, aber das sind bestimmt weniger als eines pro Klasse, wie das im Durchschnitt in Deutschland der Fall ist."


Puh. Klare Worte.


Kann man das wirklich so sagen? Ich meine: Ja. Und mache kein Geheimnis daraus. An dieser Stelle möchte ich lediglich ein paar Gedanken ergänzen und auch eine Lösung für das Problem aufzeigen:


Zunächst könnte man einwenden, dass es durchaus verschiedene Faktoren gibt, die den Unterschied zwischen Ländern in der TIMMS-Studie erklären können. Auch die Frage, wie die Superleistungen in asiatischen Ländern zustande kommen, könnte man kritisch sehen. Aber richtig ist: Der Leistungsverfall in Mathematik, der sich seit Jahren abzeichnet - und zwar auch bei uns in Bayern (!) - ist fatal! Der Anteil an Kindern mit Dyskalkulie ist ja nur die Spitze des Eisbergs.


Ich habe mich vor ein paar Jahren mit dem Thema beschäftigt. Und da bin ich auf die PALMA-Studie gestoßen, die von der Uni Regensburg und der LMU München durchgeführt wurde. Dabei ging es um die Entwicklung mathematischer Kompetenzen und den Zusammenhang von der mathematischen Leistungsentwicklung mit Leistungsmotivationen und -emotionen von Schülern von der 5. bis zur 10. Jahrgangsstufe. Beginn der Längsschnittstudie war im Schuljahr 2001/2002. Ein paar Infos finden sich unter:



Interessanterweise findet man die Ergebnisse dieser Studie nur sehr schwerlich im Internet. Die PALMA-Homepage gibt es nicht mehr. Sie wurde vom Netz genommen, ohne überhaupt die abschließenden Ergebnisse zu veröffentlichen. Das Zwischenergebnis war erschütternd, und zwar weit vor Corona und vor der Herausforderung von Integration und Inklusion. Auch die Medien haben davon nicht groß berichtet... PISA kennt fast jeder, TIMMS kennen viele. PALMA kennt so gut wie niemand.


Nun. Gerade sind ja wieder die aktuellen PISA-Werte rausgekommen. Und, was sagen die Zahlen? Sie sind wie seit Jahren "besorgniserregend" und es wird wieder mal eine "Trendwende" eingefordert und es werden erhöhte Anstrengungen angekündigt, um das Kompetenzniveau zu heben. Das sind leider nicht mehr als Lippenbekenntnisse. Meine Meinung. Und meine Erfahrung.


Ja, der Staat. Die Politik. Die Universitäten. Dahinter sitzen Menschen. Und diese Menschen haben Verantwortung. Dieser Verantwortung kommen sie nicht nach. Dabei wüsste man ja, wie es besser geht. Die empirische Lehr- und Lernforschung der letzten Jahrzehnte hat die ideologischen Mythen längst entlarvt und es gibt konkrete Lösungsansätze. Systematische Lernkonzepte und sinnvolle Lehrerfortbildung gehören nachweislich zur Lösung des Problems. Aber das Problem wird staatlicherseits nicht gelöst. Der politische Wille fehlt, da bin ich bei Bernhard Ufholz.


Ich habe in den letzten Jahren bei vielen Menschen in Verantwortung angeklopft und um Gehör gebeten - bei Bildungspolitikern, bei Professoren, bei Verbandspräsidenten, bei Stiftungsvorsitzenden, bei Ministerialbeamten und Staatsinstitutsleitern... Bisher bin ich auf taube Ohren gestoßen. Meist bin ich gar nicht so weit gekommen, meinen Lösungsansatz vorzustellen.


Darum kann und darf es nicht sein, den Lehrkräften den schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben. (Das hat Bernhard Ufholz auch nicht getan.) Denn die Lehrkräfte werden doch selbst von der Politik und ihrem "Dienstherren" alleine gelassen. Sie müssen die Misere ausbaden. Und es werden ihnen mehr und mehr Lasten aufgebürdet, die kaum mehr zu tragen sind.


Ganz ehrlich: Für mich sind die Lehrkräfte, allen voran die Grundschullehrkräfte, Menschen, denen ich meinen höchsten Respekt entgegenbringe. Die vielen Lehrerinnen und Lehrer, die mit viel Liebe, Einsatz und Engagement, aber auch mit der nötigen Portion Gelassenheit den täglichen Wahnsinn des Schulalltags bewältigen, sind für mich Helden. Oder soll ich sagen: Heldinnen? Und dieser Schulalltag umfasst viel mehr als Matheunterricht... Aber auch für diejenigen Lehrkräfte, die ihre verantwortungsvolle Aufgabe mit Mühe wahrnehmen oder die sich womöglich auf ihre Positionsmacht zurückziehen - ja, solche gibt es auch - selbst diese Lehrkräfte kann man verstehen.


Ich sage das auch deshalb, weil ich selbst schon vor Klassen gestanden und unterrichtet habe. Für mich war es nichts. Die Herausforderungen, eine Klasse zu unterrichten, sind groß. Mein Fokus lag und liegt auf dem einzelnen Kind, auf dem einzelnen Jugendlichen. Und diesen Fokus lässt das System nicht zu.


Also: Das System müsste sich ändern, wenn wir jedem Kind gerecht werden wollten. Tut es aber nicht. Und ja: Das Problem "Dyskalkulie" ist weitestgehend selbstgemacht! Das ist die traurige Wahrheit.


Das heißt: Die Lösung des Problems muss im Rahmen der Möglichkeiten und der Freiheit gesucht und gefunden werden, die es ja gibt. Es gibt diese Möglichkeiten, entgegen bürokratischer und behördlicher Hürden und Hindernisse und angesichts leerer Kassen. Es gibt sie im Kleinen. Es gibt sie in unserem Umfeld.


Mein Plädoyer heißt daher: Zusammenarbeit. Zusammenarbeit und Eigeninitiative.


Zusammenarbeit von Lehrern und Experten für das Überwinden von Rechenschwäche (oder Legasthenie). Zusammenarbeit von Lehrkräften und Eltern. Zusammenarbeit von Lehrkräften, pädagogischen Mitarbeitern oder ehrenamtlichen Helfern. Zusammenarbeit von Schulleitungen, Elternbeiräten und Geldgebern von außerhalb.


Dazu bedarf es der Eigeninitiative - der Eigeninitiative von mutigen und engagierten Schulleiterinnen und Lehrerinnen. Die gibt es nämlich auch. Ich kenne viele davon und arbeite mit einigen dieser meiner Heldinnen des Alltags zusammen. Das ist eine Eigeninitiative auf Schulebene, von der ja auch Bernhard Ufholz spricht. Die ist möglich.


Eigenintiative können aber auch die Eltern zeigen, die ihren Kindern in ihrer Mathe-Not beistehen möchten. Wenn du diese Zeilen liest, dass bist du schon auf diesem Weg der Eigeninitiative. Informiere dich. Denke um, falls du dem Behinderungsparadigma anhängst: Dein Kind ist nicht krank oder behindert. (Es denkt nur noch nicht mathematisch.) Dein Kind ist mit dem Problem auch nicht alleine. Suche Hilfe und lass dir helfen - zum Beispiel von mir ;). Oder werde selbst zum Experten dafür, wie dein Kind eine Rechenschwäche überwinden kann.


Wenn du das Denken deines Kindes besser und tiefgreifend verstehen willst, dann empfehle ich dir folgendes Youtube-Video: "8-7=1 Das ist doch einfach, oder?"



Das ist ein Vortrag von Jörg Kwapis vom Zentrum zur Therapie von Rechenschwäche (ZTR) Potsdam. Es ist eine Lehrerfortbildung und geht schon ans Eingemachte :) Aber suuuper dafür geeignet, die Problematik von Grund auf zu verstehen. Ich habe vieles davon, was ich dort gelernt habe, in mein Lernkonzept einfließen lassen. Darüber hinaus habe ich nachvollziehen können, warum mein didaktischer Ansatz so erfolgreich ist ;)


Jörg Kwapis findet meine Arbeitshefte übrigens besser als jedes andere Arbeitsheft, das er kennt. Und er kennt viele. Und er weiß, wovon er spricht. (Er selbst arbeitet nicht mit Arbeitsheften, das sage ich ausdrücklich dazu. Er arbeitet anders.) Das Rechenpflaster selbst findet er klasse. Deshalb hat er mir eine Empfehlung ausgesprochen und bestätigt, dass mit dem Rechenpflaster das entscheidend wichtige Zahlverständnis richtig gut erarbeitet werden kann.


Auch die Lehrkräfte, die das Rechenpflaster bereits in ihrer Klasse anwenden, melden mir die Vorteile des Lernmaterials zurück: Das Rechenpflaster setzt an den Ursachen der Entstehung von Rechenschwäche an.


Der Ansatz ist kleinschrittig und anschaulich. Er übersetzt die mathematischen Gedanken in Material. Und der Ansatz ist gleichzeitig darauf ausgelegt, über Mathe zu reden. Die Kinder und Erwachsenen werden dazu hingeführt, darüber zu reden, was und wie sie beim Rechnen denken. So manchem Erwachsenen geht dabei ein Licht auf - meine Erfahrung... :)))


Also: Es gibt nicht nur Probleme. Es gibt auch Lösungen.


"Mathe einfach machen mit dem Rechenpflaster" ist ein Lösungsansatz. Und daher ist es für mich keine große Überraschung gewesen, dass das Konzept vom österreichischen Legasthenie- und Dyskalkulieverband mit dem Dyslexia-Award ausgezeichnet wurde :))) Trotzdem hat es mich natürlich sehr gefreut und mich mit Dank erfüllt. Ja, Gott sei es gedankt! Es baut auf die Erkenntnisse und den Erfahrungen vieler auf. Die Auszeichnung ist eine Ehre, die ich mit allen denen teile, die direkt oder indirekt zu meinem didaktischen Gesamtkonzept beigetragen haben.


Ich habe die vielen guten und hilfreichen Gedanken zur Überwindung von Rechenschwäche zusammengeführt und in Material übersetzt. Und so hoffe ich einfach, dass Lehrer und Eltern das Potential des Rechenpflasters erkennen und es für einen verstehensorientierten Unterricht nutzen werden. Richtig angewendet, wird es Kindern dabei helfen, ihre Schwierigkeiten mit den Zahlen zu überwinden. Daher freut es mich sehr, dass das Rechenpflaster bereits in zwei bayerischen Grundschulen Anwendung findet. Denn die Schule ist schließlich der Ort, an dem alle Kinder sicher lesen und rechnen lernen sollten.




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